News Neueste Ausgabe Befragung: Resultate Suchen Archiv Français English Русский עברית Español


Inhaltsangabe Finnland Herbst 2002 - Tischri 5763

Editorial - September 2002
    • Editorial

Rosch haschanah 5763
    • Neues Leben - Neue Hoffnung

Politik
    • Veränderung erwartet

Interview
    • Strenge und Pragmatismus
    • Demokratie und Scharia

Strategie
    • Die richtige Wahl

Medizin
    • Hingabe - Initiative - Erneuerung

Reportage
    • Leben retten!
    • Vorsicht und Vorbeugung

Judäa-Samaria-Gaza
    • Har Chevron

Wirtschaft
    • Kata

Estland
    • Jerusalem und Tallinn
    • Einzigartiges Schicksal
    • Esti Pea Rabi
    • Stalins Kreis
    • Kampf und Ungerechtigkeit
    • Vergangenheit und Gerechtigkeit!

Finnland
    • Jerusalem und Helsinki
    • Helsingin juutalainen seurakunta
    • Dilemma und Loyalität
    • Das Schicksal der jüdischen Kriegsgefangenen

Kunst und Kultur
    • Das persische Herz

Ethik und Judentum
    • Pflicht zur Solidarität

Artikel per E-mail senden...
Dilemma und Loyalität

Von Roland S. Süssmann
Die Geschichte Finnlands während des Zweiten Weltkriegs und insbesondere seine Haltung gegenüber den Juden kann als zugleich einzigartig, beispielhaft und erstaunlich bezeichnet werden: Finnland hat sich freiwillig mit Nazideutschland zusammengetan aber rettete gleichzeitig seine jüdische Bevölkerung. Es hat eigentlich drei aufeinanderfolgende Kriege erlebt: zunächst den sogenannten "Winterkrieg", in dem dieses kleine Land von 1939 bis 1940 gegen das grosse Russland und seine mächtige Rote Armee kämpfte; dann den Krieg von 1941-1944, in dem Finnland auf der Seite des Reichs gegen die UdSSR stand; und schliesslich derjenige von 1944-1945, als die Finnen sich gegen die Deutschen wandten. Als letztere aus dem finnischen Staatsgebiet vertrieben wurden, haben sie auf dem Rückzug alles zerstört und verbrannt, insbesondere in Lappland, wo sich die Stadt Rovaniemi befindet; sie hält den traurigen Rekord der im Zweiten Weltkrieg am meisten zerstörten Stadt Europas.
Die Historiker bemühen zahlreiche Theorien, um die oben erwähnte paradoxe Situation zu erklären: einerseits gab es da diese militärische Allianz mit Nazideutschland, die im Grunde die Bemühung um Zusammenarbeit darstellte, um den Erfolg des Hitler-Regimes abzusichern, und andererseits die Entschlossenheit von Marschall Carl Gustaf Mannerheim, die finnischen Juden zu retten. Einige sind der Ansicht, dass Finnland keine Wahl gehabt habe, wenn es langfristig seine Unabhängigkeit gewährleisten wollte, andere führen unterschiedliche, gegensätzliche Thesen an, doch es ist hier nicht der Ort, um eine endgültige oder schlüssige Antwort auf diese Diskussionen zu finden. Es müssen dennoch drei Phänomene betont werden: das erste ist die Tatsache, dass Finnland keine jüdischen Flüchtlinge ins Land liess, als die Deutschen und ihre einheimischen Komplizen vor seinen Toren in den baltischen Staaten die 300'000 Menschen umfassende jüdische Bevölkerung umbrachten. Dabei darf man nicht vergessen, dass die Politik der verschlossenen Grenzen nicht nur für die Juden galt, sondern für alle Ausländer im Allgemeinen. Zweitens rettete Finnland seine eigenen jüdischen Bürger, lieferte sie nicht an die Deutschen aus und hat auch nie antisemitische Gesetze verabschiedet oder das Tragen des gelben Sterns angeordnet. Über die zahlreichen Fragen, die durch diese Epoche aufgeworfen werden, gibt der finnische Historiker Hannu Rautkallio im Vorwort seines in Finnland recht umstrittenen Buches "Finland and the Holocaust - The Rescue of Finlands Jews" den Ansatz einer möglicherweise plausiblen Erklärung, die jedoch zahlreichen anderen Theorien Tür und Tor öffnet: "...die Tatsache, dass Finnland mit der Rassenpolitik der Nazis nichts zu tun hatte, ist auf die eindeutige Position der Regierung von Carl Gustaf Mannerheim und einer Reihe von hohen Persönlichkeiten zurückzuführen: die Auslieferung auf Grund ethnischer Kriterien hätte nie zur Debatte stehen können. Es widersprach ganz einfach allen nationalen Theorien betreffend die Hochhaltung westlicher Werte der Gerechtigkeit und der Ethik." Später heisst es bei ihm: " ... haben denn die Deutschen die Auslieferung der finnischen Juden verlangt? Falls eine derartige Forderung nie ausgesprochen wurde, kann man da wirklich noch von mutigem Widerstand der Finnen gegen den deutschen Druck sprechen?" Er beantwortet die Frage gleich selbst: "Die Deutschen wussten genau, welche öffentliche Entrüstung schon nur die Erwähnung einer Zwangsmassnahme gegenüber den in Finnland geborenen Juden ausgelöst hätte." Das dritte Phänomen, das allein Finnland eigen ist, betrifft die Tatsache, dass die jungen Juden, wie alle anderen, verpflichtet waren in die Armee einzutreten und daher auch Seite an Seite mit dem Reich kämpfen mussten. Die Juden galten als vollwertige Mitbürger mit allen damit verbundenen Rechten, aber auch mit allen Pflichten. Die Armee hatte erlaubt, dass ein Zelt in eine Synagoge verwandelt würde. Sie stand in Syväri in Karelien, etwa anderthalb Kilometer von der Front entfernt, und unter der Bedingungen, dass ein Minyan (erforderliche Anzahl für das Abhalten eines gemeinsamen Gottesdienstes) zusammenkam, durften die jüdischen Soldaten am Schabbat und an Feiertagen in dem Zelt ihren Gottesdienst feiern. Ein Soldat namens Isaac Smolar war damit beauftragt, während der gesamten Kämpfe den Sefer Torah zu betreuen; sein Übername im Krieg lautete "Schorka (Smolar) - Schul (Synagoge)". In zwei Kilometern Entfernung befand sich ein deutsches Soldatenlager. Im Winter fuhren die jüdischen Soldaten auf den Skiern in die Synagoge und zwar unter den Augen der Deutschen, die nie reagiert haben.
In Helsinki gibt es einen Verband der jüdischen Veteranen aus dem Zweiten Weltkrieg, deren Generalsekretär wir getroffen haben, HARRY MATSO, selbst ein ehemaliger Infanterist, der drei Jahre lang an der Front stand.

Seit wann existiert Ihre Organisation?

Sie wurde 1979 gegründet, denn davor waren wir Mitglied des Finnischen Kriegsveteranenverbandes. In der finnischen Armee gab es ca. 300 jüdische Soldaten, dazu auch 40 Frauen, die in Uniform in den Spitälern arbeiteten. Von den 300 sind 23 auf den Feldern der Ehre gefallen. Damals lebten insgesamt ungefähr 2'000 Juden hier, 7% von ihnen dienten ihrem Land, wobei dieser Prozentsatz von keiner anderen Gemeinschaft in Finnland übertroffen wird. Acht unserer Soldaten sind in Karelien verschollen, die anderen sind im Veteranengrab auf dem jüdischen Friedhof von Helsinki begraben. Wir verfügen als einzige Veteranengesellschaft in Finnland über einen speziellen, ihren Mitgliedern vorbehaltenen Bereich auf einem Friedhof.

Wie sahen denn die Beziehungen zwischen den Deutschen und den jüdischen Soldaten der finnischen Armee aus?

Zunächst möchte ich sagen, dass wir für die Unabhängigkeit Finnlands gekämpft haben, denn hätten Deutschland oder die UdSSR den Krieg gewonnen, hätte die gesamte jüdische Gemeinschaft unseres Landes unter den dramatischen Folgen gelitten. Mit dieser schrecklichen Gefahr vor Augen zogen wir in den Kampf. Andererseits waren wir nichts anderes als Soldaten der finnischen Armee, die wie alle anderen Bürger ihres Alters eingezogen worden waren und ihr Land verteidigten; welches ja nie von den Deutschen besetzt wurde. Die Deutschen waren zwar präsent, aber als Alliierte, was einen grossen Unterschied machte. Wir hatten Kontakte zu ihnen, aber diese beschränkten sich auf das strikte Minimum. Die finnische Armeeleitung war sich der Situation durchaus bewusst. Im gemeinsamen Hauptquartier arbeitete ein Jude direkt für Marschall Mannerheim, doch die Deutschen wussten gar nicht, dass er Jude war. Sobald die Arbeit erledigt und die Befehle ausgeführt waren, war er ausserdem in keiner Weise verpflichtet privaten Umgang mit ihnen zu pflegen. Ich persönlich habe nie einen deutschen Soldaten oder Offizier gegrüsst. Unter den Tausenden von Anekdoten sticht eine besonders hervor und veranschaulicht sehr gut unsere Beziehung zu den Deutschen. Der Bataillonshauptmann Salomon Klass erhielt vom Hauptquartier den Befehlt zu einer militärischen Operation, um eine von den Russen eingekesselte deutsche Infanterieeinheit zu befreien. Als guter Soldat führte er den Auftrag aus und es gelang ihm, die Männer zu retten. Einige Zeit später, als er wieder in seinem Zelt sass, meldeten sich zwei Armeeangehörige bei ihm; es handelte sich ihm zwei hohe deutsche Offiziere. Salomon Klass stand nicht auf und grüsste auch nicht. Er fragte sie nach dem Grund ihres Besuchs und sie antworteten ihm: "Wir sind im Namen des Führers hier, um ihnen für Ihre Intervention zu danken und Sie in seinem Auftrag mit dem Orden des Silbernen Kreuzes auszuzeichnen." Da stand Hauptmann Klass auf und erwiderte ihnen: "Ich bin Jude und Soldat der finnischen Armee. Nie im Leben werde ich einen Orden annehmen oder tragen, der mir von Hitler verliehen wurde." Die zwei Deutschen schlugen die Hacken zusammen, machten den Hitlergruss und gingen. Ich kenne zwei andere, ähnliche Fälle, wo ein jüdischer Arzt, Chef eines Militärspitals, und eine jüdische Krankenschwester deutsche Auszeichnungen mit der Begründung ablehnten, sie seien Juden.
Es war uns bekannt, dass die Deutschen eine Liste mit allen in Finnland lebenden Juden besassen, den der Polizeichef von Helsinki war ein überzeugter Sympathisant der Nazis. Doch wir wussten auch, dass den Juden, solange wir in der Armee dienten, nichts zustossen würde. Gemäss einigen Quellen soll Himmler, der sich oft nach Helsinki begab, das Thema der Auslieferung der finnischen Juden an die Nazis erwähnt haben, und Marschall Mannerheim habe geantwortet: "Wir haben hier kein Judenproblem. Es sind finnische Staatsbürger, die der Armee angehören. Solange ein Jude dieselbe graue Uniform trägt wie ich, rühren Sie keinen einzigen Juden meines Landes an." Im Grunde hat er uns das Leben gerettet.
Anlässlich einer Feier, die am 6. Dezember 1944 in der Synagoge von Helsinki stattfand, wurde Marschall Mannerheim geehrt und einer der Würdenträger dankte ihm für die Entschlossenheit, die er in einem Moment an den Tag gelegt hatte, der für die Juden in Finnland tragisch Folgen hätte haben können. Der Marschall antwortete nur: "Ich habe nicht mehr getan als jeder andere Mensch auch, der über einen echten Sinn für Gerechtigkeit verfügt."

Die Geschichte des finnischen Judentums während der Schoah ist einzigartig. Die jüdischen Soldaten, die gezwungenermassen Seite an Seite mit den Deutschen kämpften, waren sich der Besonderheit und des Widerspruchs ihrer Lage wohl bewusst. Sie hatten einfach das Gefühl, ihre Pflicht als Juden und als Finnen zu erfüllen. Während dieser gesamten schwierigen Zeit haben sie auch im Kampf ihre jüdischen Identität stolz zur Schau getragen.

Contacts
Redaction: edition@shalom-magazine.com   |  Advertising: advert@shalom-magazine.com
Webmaster: webmaster@shalom-magazine.com

© S.A. 2004