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Inhaltsangabe Chanukkah 5754 Dezember 1993 - Chanukkah 5753

Editorial - Dezember 1993
    • Editorial

Chanukkah 5754
    • Die Pflicht der Erinnerung

Politik
    • Stockender verlauf der verhandlungen
    • Begegnung mit Jack Kemp

Exklusives Interview
    • Verkauft der jüdische Staat seine Seele ?

Interview
    • Jude - Weiss - Südafrikaner

Jerusalem-Judäa-Samaria-Gaza
    • Juden oder Parias in Israel ?

Analyse
    • Vive la différence !
    • Diplomaten und Juden

Junge persönlichkeiten
    • Elli Jaffe, der goldene Dirigentenstab

Kunst und Kultur
    • Identität im Gegenstand
    • Es ist ein Mädchen !
    • 25 Jahre Petit-Palais

Reportage
    • Der Oberste Gerichtshof Israels

Porträt
    • Von Karola zu Dr. Ruth

Erziehung
    • Rüstzeug fürs Leben

Gesellschaft
    • ... der Kampf geht weiter !

Strategie
    • Die strategischen Waffen Syriens

Erinnerung
    • Porträt eines Meisters und Freundes

Ethik und Judentum
    • Gefahr und Verantwortung

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Die Pflicht der Erinnerung

Von Rabbiner Zalman I. Posner*
Ist Ihnen bereits aufgefallen, dass die Juden gegenüber allem, was "sich vor langer Zeit zugetragen hat und weit entfernt ist" eine ganz andere Sensibilität besitzen als andere Völker ? Gibt es beispielsweise noch jemanden, die Griechen ausgenommen, der etwas für die Spartaner und Athener des Altertums empfindet ? Fühlen sich die Italiener, abgesehen von einer Führung durch ihre Ruinen, noch irgendwie mit den Römern der Vergangenheit verwandt ? Bei den Babyloniern wiederum, die es überhaupt nicht mehr gibt, ist es unmöglich herauszufinden, was sie von unserer Epoche halten. Gilt dies auch für den Rest der Welt ? Wer kann, mit Ausnahme der beruflichen Neugier bei Historikern und Archäologen, irgendwelche Gefühle oder gar Gedanken für seine Vorfahren aufbringen, deren Spuren sich im Dunkel der Zeit verloren haben ?
Für uns Juden jedoch sind Assyrien (nicht Syrien, sondern Assyrien), Babylonien, Persien, Medien (wer ???), Griechenland und Rom Teil unserer Aktualität und gehören nicht der Geschichte oder einer fernen Vergangenheit an. Warum ? Weil wir in grosser Nähe zu diesen Ereignissen leben, und diese folglich zeitgenössisch werden.
"Uns nahe und umfassender Teil unserer Gegenwart ?" Wie ist dies möglich ? Es ist wieder die Zeit von Chanukkah. Ich bin sicher, man braucht ein jüdisches Kind nur zu fragen, wer Antiochus Epiphanes war, um das Problem zu erfassen. Selbst wenn es den zungenbrecherischen Namen dieses Tyrannen nur mit Mühe aussprechen kann, wird das Kind seine Ablehnung für diesen Verbrecher offenbaren. Lebte er vor 22 oder 23 Jahrhunderten ? Dies ist unwichtig, er hätte gestern leben können.
Das Andenken Babylons hingegen ist in unserem Gedächtnis sehr präsent. Während den Gottesdiensten von Tischa Be'av (9. Av, Trauer über die Zerstörung des Ersten und Zweiten Tempels) sitzen wir in der Tat auf dem Fussboden in der Synagoge und drücken traurig unsere Niedergeschlagenheit aus, indem wir die Kinoth und das Buch Eicha im Kerzenlicht rezitieren. Wir weinen über die Zerstörungen, die von Babylon, Rom, den Kreuzzügen, Torquemada, den Pogromen, den Schrecken unserer Zeit in Deutschland begangen wurden, und über ihre offenen oder schweigenden Komplizen. Für uns existiert Babylon durchaus hier und heute !
Über den Iran wird täglich in den Medien berichtet, doch wer erinnert sich an Persien ? Für uns Juden verkörpern Haman und dieser närrische König mit dem unaussprechlichen Namen (Achaschwerosch) ewig gegenwärtige Zeugen, die Teil unseres lebendigen Kulturgutes sind. Purim und Chanukkah stellen gemeinsame und aktuelle Beispiele für das Schicksal unserer Feinde dar. Sie bilden das Gegengewicht in der endlosen Liste unserer Tischa Be'aws.
Erinnern Sie sich an die Tage des Überschwangs, der Freude und der Seligkeit im Juni 1967 ? Was wissen jedoch unsere Kinder über diese Zeit ? Und unsere Enkelkinder erst ? Weiss ein kleines Mädchen, dem Antiochus Epiphanes ein Begriff ist, auch wer Nasser war ? Bedeutet ihr der Begriff "Sechstagekrieg" etwas ? In den Vereinigten Staaten ist der 4. Juli ein äusserst wichtiger Tag, da es sich um den amerikanischen Unabhängigkeitstag handelt. Beinhaltet dieses Datum für uns Juden eine besondere Bedeutung ? Welches Wunder, ja, Wunder, fand am 4. Juli 1976 statt ? Die Befreiung von Entebbe. Entebbe ? Wie viele jüdische Kinder kennen auch nur diesen Namen ?
Was ist mit unserem Sinn für Geschichte geschehen ? Wie kommt es, dass wir diese Ereignisse, deren Zeugen wir waren, nicht in persönliche, uns tief berührende Erfahrung umsetzen konnten ? Die Babylonier des Altertums sind uns ebenso vertraut wie unsere Nachbarn, die Perser und die Griechen sind uns wohlbekannt. Wieso empfinden wir nicht dieselbe Nähe zu Situationen, die wir im Verlauf der letzten zwanzig oder dreissig Jahre erlebt haben ?
Der Talmud lehrt uns, dass unsere Weisem ein Jahr nach den Ereignissen von Chanukkah und Purim ein Fest der Erinnerung einführten, das von allen Juden an einem bestimmten Datum gefeiert werden musste. Die starken Gefühle, die durch diese Vorfälle in unserer Geschichte geweckt worden waren, wurden in ganz genaue Gesten umgewandelt. Aus diesem Grund wissen unsere Kinder alles über Chanukkah und Purim. Das Verschicken der Mischloach Manoth (traditionelle Purim-Geschenke, bestehend aus Nahrungsmitteln und Leckereien wie z.B. "Hamantaschen"), das Anzünden der Chanukkah-Kerzen an acht aufeinanderfolgenden Abenden, an denen immer eine Kerze mehr angezündet wird, die traditionellen Abende unter Freunden, die Lektüre der Megilat Esthers in der Synagoge, unterbrochen vom Geräusch der Rasseln, die aus dem Ort des Gottesdienstes ein üppiges Pandämonium machen, die mit Purim und Chanukkah verbundenen volkstümlichen und kulinarischen Gebräuche haben die Erinnerung an diese ferne Zeit unserer Geschichte so frisch und lebendig erhalten, als ob es sich um Vorkommnisse unserer Epoche handelte, mit denen wir uns identifizieren können. Diesen Erinnerungen haftet nichts Ernsthaftes oder Geistiges an, man könnte fast schon behaupten, sie seien etwas oberflächlich oder leichtherzig. Doch hier erkennen wir die Voraussicht und das Genie unserer Lehrer. Sie kannten die Ewigkeit und hatten verstanden, wie sie die Erinnerungsfähigkeit vieler aufeinanderfolgender Generationen ansprechen und für immer lebendig erhalten konnten.
Wie werden heutzutage die Wunder des Sechstagekriegs oder von Entebbe in Erinnerung gerufen oder überliefert ? Das Schweigen, das auf diese Frage folgt, erklärt uns, weshalb sie unvermeidlich immer mehr vergessen werden. Natürlich werden der Unabhängigkeitstag Israels und Yom Yeruschalaïm (Erinnerung an die Befreiung Jerusalems 1967) in Israel und in zahlreichen Gemeinden überall auf der Welt gefeiert. Wir betonen dadurch zwei der Wunder unserer Zeit. Wie steht es aber um die anderen, die wir verschweigen ? Sollten wir nicht versuchen, uns der täglich erlebten Wunder bewusst zu werden ? Obwohl die beste Art, ihr Andenken zu feiern, in den Kompetenzbereich der zeitgenössischen rabbinischen Behörden fällt, müssen wir uns vergewissern, dass diese Tage in unseren Almanach aufgenommen werden, damit zahlreiche Menschen uns die Frage stellen können: "Was ist das ? Warum steht dieser Tag in unserem Kalender ?" So öffnen wir die Pforte zur Erklärung und Überlieferung der Erinnerung der damaligen und der jetzigen Zeit. Wenn in unserer Agenda die Wunder des Altertums neben denjenigen der Gegenwart erscheinen, entfachen wir einen Schein der Ewigkeit und überliefern die Wunder, die damals, zu dieser Zeit geschahen, "Byamim Hahem - Bazman Haze".

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