Liberation
Von Roland S. Süssmann
Am 8. Mai 1995 wird die ganze Welt das fünfzigjährige Jubiläum der Beendigung des zweiten Weltkriegs und der Niederlage der Nazis in Europa feiern. Ähnlich wie bei den 50-Jahr-Feiern für die Landung in der Normandie werden didaktische Anstrengungen unternommen, um die Erinnerung an diese historischen Ereignisse für immer den zukünftigen Generationen einzuprägen. Die Bemühungen werden sich in diesem Fall hauptsächlich mit den Heldentaten der siegreichen Alliierten befassen. Die Schoah wird ihrerseits in zusammengefasster Form durch das Bild von General Eisenhower, dem obersten Befehlshaber der alliierten Streitkräfte und grossen Strategen der Operation "Overlord", dargestellt, der ein oder mehrere befreite Konzentrationslager besucht, wodurch an die Verbrechen der Deutschen und ihrer aktiven, passiven oder einfach stillschweigenden Komplizen gegenüber dem jüdischen Volk erinnert wird.
In Los Angeles hat Moriah Films, die Filmproduktionsgesellschaft des Simon Wiesenthal Center, vor kurzem einen Dokumentarfilm mit dem Titel "Liberation" herausgegeben, der eindrücklich und deutlich zeigt, dass die Deutschen in der Zeit, da die Alliierten bereits Europa zurückeroberten und die Streitkräfte der Nazis bekämpften, weiterhin ihr grausames Unwesen trieben und ungestraft jüdische Männer, Frauen und Kinder zu Tausenden systematisch umbrachten. Die Landung in der Normandie hat den Vernichtungskrieg Hitlers gegen die jüdische Zivilbevölkerung keinesfalls beendet. Der Film, der von Rabbiner Marvin Hier, dem Gründer und Dekan des Simon Wiesenthal Center, und dem britischen Historiker Martin Gilbert geschrieben wurde, stellt die historischen Ereignisse dar, wie sie sich seit der düsteren Wannsee-Konferenz und der Entscheidung der Alliierten, Europa zurückzuerobern, abgespielt haben. Obwohl es sich um eine amerikanische Produktion handelt, betont "Liberation" die Passivität der führenden jüdischen Politiker in Amerika angesichts der Tragödie, welche ihre Brüder in Europa heimsuchte. Der Film wurde in einer Vorpremiere am Festival des amerikanischen Films 1994 in Deauville vorgeführt.
Um die Beweggründe besser zu verstehen, die zur Produktion von "Liberation"geführt haben, sind wir in Los Angeles, am Tag nach der grossen Weltpremiere, Rabbiner MARVIN HIER begegnet, der als einziger Rabbiner der Welt für seinen ersten Film "Genocide" einen Oskar gewann; zusammen mit Arnold Schwartzmann hat er diesen neuen, qualitativ hochstehenden Dokumentarfilm koproduziert, der als echte Anthologie erstmals im selben Leinwandwerk die Achsenmächte, die Alliierten und die Opfer zeigt.


Der Film "Liberation" ist reichhaltig und in mehr als einer Hinsicht äusserst interessant. Dennoch kann man sich fragen, welchen Nutzen ein Film haben soll, der an eine sattsam bekannte Tatsache, an die Weiterführung des Völkermords an den Juden, erinnert, als die Alliierten sich in Deutschland bereits im Vormarsch befanden ?

Es besteht kein Zweifel daran, dass die geschichtlichen Fakten des Sieges der Alliierten über Hitler während vieler Generationen in allen Schulen der Welt Teil des Lehrplans sein werden. Analysiert man das zur Verfügung stehende Lehrmaterial zu diesem Thema - und wir haben uns alle Filme über die Zeit 1939 - 1945 angesehen - etwas gründlicher, stellt man fest, dass an allen diesen Dokumenten etwas gemeinsam ist: es wird die Geschichte der Befreiung Europas erzählt, ohne die Schoah mit einem Wort zu erwähnen, wie dies z.B. in "Der längste Tag" der Fall ist. In einigen Filmen wird ganz zum Schluss während 30 Sekunden gezeigt, wie die alliierten Streitkräfte die Schrecken in einem befreiten Konzentrationslager entdecken. Alle in Schulen vorgeführte Filme entsprechen diesem Schema, Informationen über die Schoah sollen die Unterrichtenden nach eigenem Gutdünken hinzufügen. Wir wollten einen Film machen, der im Gegensatz zu allen anderen die Ereignisse parallel zeigt. Die existierenden Filme über die Schoah besitzen alle einen gewissen "jüdischen" Anstrich, sei es nun der Film "Shoah", der über acht Stunden lang ist, oder auch "Genocide", den wir produziert haben. Das Besondere von "Liberation" besteht darin, dass dieser Dokumentarfilm ausschliesslich aus Filmen jener Zeit zusammengesetzt ist, in denen zugleich von den Heldentaten der Alliierten und parallel dazu, in enger Verflechtung, von der Vernichtung der Juden Europas die Rede ist.


In "Liberation" zeigen Sie eine besonders rührende Szene, in der man eine Abordnung von europäischen Rabbinern in Washington demonstrieren sieht. Die Mitglieder dieser Gesandtschaft setzten sich für die Rettung der Nazi-Opfer ein. Präsident Roosevelt lehnte es nach dem Eingreifen der offiziellen jüdischen Organisationen der USA ab, sie zu empfangen. Damit zeigen Sie ganz deutlich die Passivität, um es milde auszudrücken, des amerikanischen Judentums während der Schoah. Haben Sie nicht Angst, dass diese Sequenz dazu führt, dass der Film von den offiziellen jüdischen Instanzen Amerikas boykottiert wird ?

Ich glaube nicht, dass wir mit diesen Schwierigkeiten konfrontiert werden. Der Film spricht über die Ereignisse, die wirklich stattgefunden haben. In Liberation" erinnern wir daran, dass die engste Vertraute von Papst Pius XII., Schwester Pasqualina, in ihren Memoiren festhält, dass der Papst in dem Augenblick, als er vom Angriff der UdSSR auf Deutschland erfuhr, in einem Gebet an Novinis um "einen raschen Sieg der Hitlerschen Truppen" bat. Dies ist eine schwere Anschuldigung, doch sie bedeutet auch, dass der Film, um ernst genommen zu werden, unsere eigenen Schwächen und Fehler nicht vertuscht. Ansonsten würde er an Glaubwürdigkeit verlieren.


Ihr Film ist sehr mutig, denn Sie betonen eine Tatsache, die oft vergessen wird, nämlich dass japanische Zivilpersonen, amerikanische Staatsbürger, in Amerika in Lager gesperrt wurden, während ihre Söhne als Soldaten der US-Army in Europa Krieg führten. Weshalb wollten Sie diese Wahrheit hervorstreichen ?

Sie ist Teil eines sehr viel weiteren Problemkreises, nämlich der Diskriminierung in den Vereinigten Staaten, die fortgeführt wurde, obwohl in zahlreichen Kompanien schwarze Soldaten kämpften. Natürlich treffen Regierungen manchmal Entscheidungen während des Kriegs, die in normalen Zeiten nicht akzeptiert werden könnten, doch es ist absolut nicht zulässig, dass amerikanische Staatsbürger unabhängig von ihrer politischen Aktivität nur aufgrund ihrer japanischen Herkunft verhaftet wurden. In der Folge sah die amerikanische Regierung ihren Irrtum ein, gab offizielle Entschuldigungen ab und hat die inhaftierten Japan-Amerikaner sogar entschädigt. Es schien uns wichtig, die Geschichte der Rassendiskriminierung in den USA während des Kriegs so vollständig wie möglich darzustellen. Obwohl diese Episode nicht der Hauptaspekt des Films ist, gehört es zur dargestellten Epoche und zum behandelten Thema, wir durften sie nicht ignorieren. Aus demselben Grund wollten wir auch die aussergewöhnliche Arbeit der Frauen, welche die Last des Krieges, an der "home front" mittrugen, gebührend würdigen.


Man kann sich unschwer vorstellen, wieviel beeindruckendes dokumentarisches Material Ihnen zur Verfügung stand. Auf welche Weise haben Sie Ihre Auswahl getroffen ? Nach welchen Gesichtspunkten gingen Sie vor ?

Ein Hauptgedanke blieb uns immer vor Augen und hat uns in allen Entscheidungen geleitet. Ich bin überzeugt, dass man den Kindern, jedenfalls denen in den öffentlichen Schulen, in fünfzig Jahren oder sogar schon früher in der westlichen Welt davon erzählen wird, wie die Alliierten den zweiten Weltkrieg gewannen, doch die Schoah wird womöglich nicht mehr auf dem Lehrplan stehen, denn sie hat sich weder in den Vereinigten Staaten und noch in England abgespielt. Jedes Land wird in erster Linie versuchen, seine eigene Rolle in diesem weltweiten Konflikt darzustellen und an seine Taten zu erinnern; der Krieg Hitlers gegen die Juden wird bestenfalls und nach optimistischer Einschätzung nur am Rande erwähnt werden... Mit dem Film "Liberation" wollten wir ein Dokument schaffen, das den Krieg zwischen 1939 und 1945, den Sieg der Alliierten, untrennbar mit der Schoah verknüpft, da dies genau der Wirklichkeit entspricht. Ausserdem wird jemand, der in Zukunft einen Film zu dieser Epoche zeigen möchte, das Thema der Schoah nicht vermeiden können, da sie ein fester Bestandteil des Films ist. Wie der Name besagt, handelt der Dokumentarfilm von der Befreiung Europas, 55% des Werks sind dem Sieg der Alliierten gewidmet, während gleichzeitig ausführlich über die Schoah berichtet wird. Uns schien ebenfalls wichtig, nicht einfach zu wiederholen, was bereits in anderen Filmen gesagt wurde, oder allzu bekannte Themen aufzugreifen. In "Genocide" befassten wir uns sehr gründlich mit der Frage, weshalb die Alliierten Auschwitz nicht bombardiert haben. In "Liberation" sind wir nicht mehr darauf eingegangen, da unser Hauptziel darin bestand, die allgemeinen Ereignisse so vollständig und knapp wie möglich nachzuvollziehen. Da es sich um einen Dokumentarfilm handelt, strebten wir einen raschen Rhythmus an, in dem nicht lange auf einzelne Punkte eingegangen werden konnte. Aus diesem Grund wechselt der Film zwischen den verschiedenen Fronten, zwischen London und Berlin hin und her, um ein so vollständiges Bild wie möglich zu vermitteln und alle Aspekte dieser schwarzen Zeit in Europa abzudecken. Wir erinnern zum Beispiel daran, wie in Paris zahlreiche Stars aus Kunst und Variété echte Kollaborateure waren. Die meisten Dokumentarfilme über diese Zeit beschränken sich auf einen einzigen Blickwinkel, in der Regel denjenigen des Landes, in dem der Film gedreht wird. So erwähnt ein amerikanischer Film vielleicht die Landung in der Normandie, schweigt sich aber über die gleichzeitig stattfindenden Ereignisse in Berlin, Paris, London, Rom oder Nordafrika aus.


Die Erzähler werden in "Liberation" von grossen Stars dargestellt. Ben Kingsley (Ghandi, Wiesenthal, Schindlers Liste usw.), Miriam Margolyes, Patrick Stewart (Star Treck), Jean Both und Whoopi Goldberg waren beteiligt und haben dem Film kostenlos ihre Stimme geliehen. Wie verlief die Zusammenarbeit mit all diesen Berühmtheiten ?

Sie waren alle mit ganzem Herzen dabei. Meiner Ansicht nach hat aber Ben Kingsley nach der Premiere die Gefühle aller Beteiligten am besten zusammengefasst. Er sagte: "Ich habe noch nie etwas Ähnliches gesehen. Sollten Sie andere Projekte dieser Art haben, rufen Sie mich an, ganz egal wo ich in dem Moment bin, denn ich würde wirklich gern mitmachen". Wegen des besonderen Aufbaus des Films brauchten wir Erzähler mit guten Sprechstimmen, die auch die Emotionen richtig zum Ausdruck brächten, die wir vermitteln wollten. In dieser Hinsicht spielt die Musik eine ganz besonders wichtige Rolle. Dafür haben wir das symphonische Orchester des slovenischen Rundfunks, von Carl Davis dirigiert, engagiert. Darüber hinaus wird die Teilnahme von Patrick Stewart, der für seine Rolle in Star Trek bekannt ist, das Interesse der Jugend wecken, was uns sehr wichtig ist, denn der Film soll in den Schulen gezeigt und von möglichst vielen Jugendlichen gesehen werden. Der Film ist bereits auf Englisch auf Videokassette herausgekommen, und wir werden ihn in zahlreiche Sprachen übersetzen lassen, damit er in den Schulen in aller Welt vorgeführt werden kann. In London, Marseille, Paris und Moskau sind ausserdem offizielle Veranstaltungen für die Erstvorführung vorgesehen.


"Liberation" wurde in den Studios Ihrer Produktionsgesellschaft Moriah Films hergestellt. Zahlreiche Glaubensbrüder und -schwestern spielen eine grosse Rolle in der Filmindustrie in Hollywood. Hätten Sie nicht einen von ihnen verpflichten und "Liberation" oder zukünftige Filme nach gängigem Muster produzieren können ?

Eine solche Lösung wäre durchaus denkbar gewesen, doch die Anziehungskraft der rein kommerziellen Filme, der gewalttätigen, wenn nicht gar unmoralischen Grossproduktionen ist aufgrund der riesigen Gewinne viel höher als ein Dokumentarfilm, der darüber hinaus von einer Organisation ohne Erwerbszweck wie dem Wiesenthal Center hergestellt wird. Wir hofften, dass ein Mitglied der israelischen Filmindustrie sich darum bemühen würde. Wir mussten aber leider feststellen, dass dies keinesfalls eintrat, und dass darüber hinaus zahlreiche Israelis, die in Filmkreisen in Hollywood eine bedeutende Position innehaben, sich weder für die Themen interessieren, die wir behandeln möchten, noch für didaktische Filme. Wir haben uns in der Folge an den Rat eines grossen jüdischen Meisters, des berühmten Schamaï, gehalten: "Rede wenig und handle". Wir haben die Dinge in die Hand genommen, haben Sponsoren gefunden und nahmen diese neue Erfahrung in Angriff. Wir befassen uns schon wieder mit anderen Filmprojekten, die wir mit der uns heute zur Verfügung stehenden ultramodernen Ausrüstung verwirklichen wollen.